Warum saß Palantir beim Digitalgipfel am Tisch mit Merz und Macron?

Emmanuel Macron, Friedrich Merz, Karsten Wildberger. Dazu die Chefs von SAP, der Deutschen Telekom und Mistral. Die Teilnehmendenliste des „EU AI Champions Initiative“-Roundtables im Rahmen des deutsch-französischen Digitalgipfels am 18. November in Berlin liest sich wie ein kleines Who’s Who der deutsch-französischen Digitalwirtschaft.

Das Gruppenfoto zeigt die zufriedenen Gäste, die mit ihren Investitionen die digitale Souveränität Europas stärken sollen. Nur ganz rechts steht eine Person, die nicht so recht in diese Erzählung passt: Laura Rudas.

Für wen arbeitet Laura Rudas?

Die ehemalige österreichische Spitzenpolitikerin ist seit 2015 für das US-Überwachungsunternehmen Palantir tätig und dort Executive Vice President – eine zentrale Ansprechpartnerin für europäische Regierungen. Für Palantir trat sie öffentlich in Untersuchungsausschüssen auf, etwa im hessischen Landtag zur Vergabe von „Hessendata“.

 Auch im offiziellen LinkedIn-Video zum Event ist sie prominent zu sehen: erste Reihe, direkt am Tisch, an dem Macron und Merz mit den Firmenchefs zusammentrafen.

In der uns vorliegenden Teilnehmendenliste taucht ihr Name ebenfalls auf – allerdings nicht als Vertreterin von Palantir, sondern unauffällig als Mitglied der EU AI Champions Initiative.

Ein Platz in der ersten Reihe für Laura Rudas

Eine Palantir-Managerin als Vertreterin einer EU-Initiative?

Die EU AI Champions Initiative wird von der US-amerikanischen Venture-Capital-Firma General Catalyst organisiert. Das Unternehmen investiert weltweit, auch in Rüstungsfirmen. Auf Anfrage bestätigte uns General Catalyst, dass Laura Rudas neben ihrer Palantir-Funktion auch als Beraterin für das Unternehmen tätig ist – laut LinkedIn erst seit diesem Sommer. Rudas selbst reagierte nicht auf unsere Anfrage.

Die Europachefin von General Catalyst, Jeannette zu Fürstenberg, war Moderatorin und Organisatorin der Initiative und des Roundtables.

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Dreiecksbeziehung Jeannette zu Fürstenberg, Laura Rudas und die EU AI Champions Initiative
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Business Punk berichtet, dass Personen aus dem Palantir-Gründerkreis Teile ihres Vermögens bei General Catalyst investiert haben. General Catalyst betonte uns gegenüber zwar, Palantir sei weder Mitglied noch Unterstützer der Initiative. Doch zwei Fakten bleiben:

Digitale Grundrechte brauchen eine starke Stimme – deine Unterstützung macht sie hörbar.

Als gemeinnützige Organisation finanzieren wir uns durch Spenden. Hilf uns, Machtmissbrauch einzudämmen und digitale Souveränität zu stärken.

  1. Die EU AI Champions Initiative wird von der Europa-Tochter eines US-Venture-Capital-Unternehmens organisiert.

  2. Dieses Unternehmen lässt sich von einer hochrangigen Palantir-Managerin beraten – und öffnet ihr offenbar die Türen zu einem exklusiven Roundtable mit Merz und Macron.

 Das wirft Fragen auf:

Mit welchem Interesse engagiert sich General Catalyst? Warum saß eine Palantir-Managerin an diesem Tisch – unter dem Label europäischer digitaler Souveränität?

Wir fragten beim Kanzleramt nach, ob Merz im Rahmen des Gipfels mit einer Palantir-Vertreterin diskutiert habe. Das wurde verneint. Offenbar wurde Rudas’ beruflicher Hintergrund nicht transparent kommuniziert.

Kein Wunder: Ein Unternehmen wie Palantir passt nicht zu einem Gipfel, der ausgerechnet europäische digitale Souveränität betonen sollte.

Dieser Artikel ist der Auftakt einer Serie, die mehr Licht ins Dunkel des Big Tech - Lobbyings bringen soll. Hinweise und Spenden unterstützen unsere Arbeit.

Palantir ist das Gegenteil von digitaler Souveränität

Deutschland und Frankreich haben den Digitalgipfel 2025 bewusst als „Europäischen Gipfel für digitale Souveränität“ ausgerichtet – aus gutem Grund:

Europäische Regierungen haben erkannt, dass die marktbeherrschende Dominanz amerikanischer Tech-Konzerne und unsere Abhängigkeit von ihnen ein geopolitisches Risiko sind. Viele dieser Tech-Milliardäre suchen derzeit die Nähe zur Trump-Regierung – in der Hoffnung, er werde die EU außenpolitisch unter Druck setzen, damit diese von Regulierung, Buy-European-Klauseln und Wettbewerbsverfahren ablässt.

US-Firmen versuchen so, sich demokratischer Kontrolle und europäischen Gesetzen zu entziehen. Der Ausweg: Regulierung durchsetzen, Abhängigkeiten reduzieren, europäische Alternativen stärken. Genau das sollte der Digitalgipfel eigentlich zeigen.

Digitale Grundrechte brauchen eine starke Stimme – deine Unterstützung macht sie hörbar.

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Warum Palantir ein besonders heikler Fall ist

1. Ideologische Nähe zu MAGA

Palantir-Gründer Peter Thiel pflegt enge Beziehungen zu Figuren der ultrarechten MAGA-Bewegung sowie zu J.D. Vance, dem europakritischen US-Vizepräsidenten. Auch CEO Alex Karp verfügt über ein enges Netzwerk in Sicherheitsbehörden.

2. Abhängigkeit von staatlicher Kernsoftware

Palantir bietet Analysesoftware für Geheimdienste, Polizei und Militär an. Gotham kann unstrukturierte Daten verknüpfen und auswerten. Wenn staatliche Aufgaben nur mithilfe US-amerikanischer Software erfüllt werden können, bedeutet das eine Privatisierung staatlicher Souveränität und macht Regierungen in Handelskonflikten erpressbar.

3. Hohe Risiken für Datenschutz und demokratische Kontrolle

Die Software verarbeitet die sensibelsten personenbezogenen Daten. Die Kontrolle darüber entzieht sich weitgehend demokratischen Institutionen. Bislang gab es kein Palantir-Einsatzszenario in Deutschland, das nicht später von Verfassungsgerichten für mindestens in Teilen für verfassungswidrig erklärt wurde.

Digitale Souveränität darf kein Etikettenschwindel werden

US-Firmen versuchen derzeit, ihre Produkte als „souverän“ umzudekorieren, um europäische Kunden nicht zu verlieren. Doch die Software unterliegt weiterhin US-Recht und damit dem Zugriff der US-Regierung. Trump könnte jederzeit den Export und damit auch das Ausspielen von Sicherheitsupdates untersagen, wenn er „nationale Sicherheit“ berührt sieht.

Digitale Souveränität mit Big Tech ist ein Widerspruch in sich – besonders, wenn dieselben Firmen alles dafür tun, europäische Regeln zu umgehen.

In ihren Reden betonten Merz und Macron, sie hätten dieses Problem erkannt. Doch es braucht mehr als Worte. Dieser Fall zeigt exemplarisch, wie schwierig es ist, sich dem Einfluss amerikanischer Konzerne und Geldgeber zu entziehen.

Big Tech nutzt jede Gelegenheit und jede Intransparenz, um seine Interessen durchzusetzen.

Dieser Artikel ist der Auftakt einer Serie, die mehr Licht ins Dunkel des Big Tech - Lobbyings bringen soll. Hinweise und Spenden unterstützen unsere Arbeit.

Digitale Grundrechte brauchen eine starke Stimme – deine Unterstützung macht sie hörbar.

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