Auf X (aktiv) bleiben - oder nicht?
Ein Leitfaden zum Wechseln
Seit dem Kauf von Twitter durch Musk und insbesondere seit dessen Unterstützung für die AfD herrscht in der politisch-medialen Bubble eine absurde Situation: X wird als Sprachrohr rechter Ansichten verurteilt und trotzdem täglich von Politiker:innen, Journalist:innen und Entscheidungsträger:innen bespielt.
Politiker:innen bleiben, weil sie dort Journalist:innen und wichtige Entscheidungsträger:innen aus Wissenschaft und Wirtschaft erreichen. Journalist:innen bleiben, weil dort Politiker:innen sind. So zumindest die Argumentation.
Dass sie dadurch die Relevanz einer Plattform erhöhen, die Demokratie und Gemeinwohl gefährdet, wird in diesem toxischen Kreislauf gerne ausgeblendet. Dabei ist der einzige Weg, Elon Musk und seinem rechten Medium nicht noch mehr Macht einzuräumen, X nicht mehr aktiv zu nutzen. Viele Bedenken bezüglich eines Wechsels lassen sich gut entkräften.
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Häufige Gründe dafür, auf X zu bleiben - und was dagegen spricht
„Wir erreichen nur auf X relevante Zielgruppen.“
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Die Zielgruppe fragmentiert sich längst. Viele Entscheider:innen nutzen die Plattform nur noch passiv („Silent Lurkers“) oder sind bereits abgewandert. Wer nur auf X sendet, ignoriert zunehmend jene, die sich aus Selbstschutz von der Toxizität der Plattform zurückgezogen haben.
Früher mag die Plattform vor allem für Politiker:innen Reichweite und Sichtbarkeit gebracht habe. Immer mehr Menschen holen sich ihre Informationen aber auf einer Vielzahl unterschiedlicher Plattformen und nicht mehr nur primär auf X. Selbst große Accounts erreichen nur noch ein paar tausend Menschen.
Zudem verzerren Algorithmen, wer was sieht – die angeführte „Relevanz“ ist oft eine Illusion.
„Auf X zu sein ist keine Zustimmung zur politischen Haltung von Elon Musk.“
Auch wenn du Musks politischen Ansichten nicht zustimmst, förderst du seinen Einfluss mit jeder Interaktion. Deine Likes, Inhalte und deine Daten verschaffen der Plattform Relevanz, generieren Werbeeinnahmen und trainieren Musks KI „Grok“. Deine bloße Anwesenheit hält das System am Laufen.
„Wir müssen auf X bleiben und dort für unsere Überzeugungen kämpfen.“
Der X-Algorithmus belohnt Polarisierung, nicht konstruktiven Diskurs. Extremistische Beiträge erscheinen Nutzer:innen besonders häufig. Wer dort differenzierte Inhalte postet, spielt auf einem Feld, dessen Regeln gegen ihn programmiert sind. Echter Diskurs benötigt ein gemeinsames Faktenfundament, das auf X erodiert ist.
„Es ist unsere Aufgabe, alle Plattformen zu bespielen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Auf X haben wir die größte Reichweite.“
Staatliche Institutionen haben auch eine Vorbildfunktion. Durch die Präsenz auf X legitimieren sie eine Plattform, die Desinformation und Hassrede systemisch fördert.
Der Algorithmus ist intransparent und deshalb lässt sich oft nicht beantworten: Ist es echte Reichweite oder Bot-Traffic?
Für eine öffentliche Institution sollte es wichtiger sein, wer erreicht wird. Nutzer:innen muss unter Beiträgen eine Diskussion ermöglicht werden, ohne Hasskommentaren oder Trollen ausgesetzt zu sein. Dafür braucht es Moderation und Qualitätssicherung.
„X ist als Plattformen durch die Texte schneller, weniger aufwendig und besser auf Politik- und Newslogik zugeschnitten als Instagram und TikTok“
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Das Kurztext-Format ist nicht allein X vorbehalten. Alternativen wie Bluesky oder Mastodon bieten das gleiche unkomplizierte, textbasierte Erlebnis, ohne dabei eine demokratiefeindliche Logik zu fördern.
„Ich muss beruflich dort sein – sonst werde ich nicht gesehen oder bekomme nicht alles mit.“
Wer nicht den perfekten algorithmisch hergestellten Feed hat, muss Zeit und Mühe investieren, um wichtige und vor allem richtige Informationen aus Clickbait und Desinformation zu filtern. Das ist Zeit, die genutzt werden kann, um auf neuen Plattformen Sichtbarkeit aufzubauen.
„Mein relevantes persönliches Netzwerk befindet sich auf X und ich kann nicht alle dazu motivieren, gleichzeitig auf eine andere Plattform umzuziehen. Ich muss mir auf anderen Plattform erst ein Netzwerk und Reichweite aufbauen.“
Viele Nutzende berichten von algorithmisch bedingten Verlusten ihrer Reichweite auf X. Viele frühere Nutzende haben die Plattform zu Alternativen verlassen,
Netzwerkeffekte kippen oft plötzlich. Wenn alle warten, bis der Letzte geht, geht niemand. Wer jetzt aktiv Alternativen aufbaut, baut Brücken für das Netzwerk, und bleibt als Vorreiter:in im Gedächtnis.
Man muss nicht sofort löschen, aber die Energie verlagern. „Crossposting“ ist ein guter Übergang, um die neue Plattform strategisch und inhaltlich aufzubauen ohne das existierende Netzwerk zu vernachlässigen. Es sollte allerdings nicht als Dauerlösung fungieren.
„Ich will nicht in einer linksliberalen Echokammer sein, sondern mit anderen politischen Meinungen konfrontiert werden und streiten. Ich informiere mich auf X über Gegenmeinungen, die auf anderen Plattformen nicht vertreten sind.“
X wird von einer kleinen, lauten und oft feindseligen Minderheit aus Trollen und extremen Nutzer:innen dominiert. Studien zeigen, dass diese Gruppe überproportional viel schreibt, überdurchschnittlich aggressiv ist und gezielt demokratische Akteur:innen angreift.
Gleichzeitig ziehen sich viele Menschen aus Angst vor Hass aus den Diskussionen zurück. Was nach ‚Debatte‘ aussieht, ist tatsächlich eine verzerrte Bühne, auf der Extremismus und Einschüchterung strukturelle Vorteile haben (false balance).
„Das geringere Maß an Content Moderation auf X ist für mich ein Ausdruck von Rede- und Meinungsfreiheit.“
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Es gibt einen Unterschied zwischen „anderen Meinungen“ und „Hetze“ sowie extremistische Inhalte. Auch auf Online Plattformen braucht es klare Diskursregeln. Verstöße gegen Rechtsgrundlagen, etwa Beleidigungen, nationalsozialistische Symbole oder diskriminierende Aussagen, müssen entfernt werden, nicht gefördert.
Content Moderation dient nicht der Beschränkung der freien Meinungsäußerung, sondern soll eingreifen, wenn der Diskurs durch Hass, Drohungen und Aufrufen zur Gewalt gestört wird. Studien zeigen, dass sich die Mehrheit der Bürger:innen in Demokratien Content Moderation auf Plattformen wünschen.
„Instagram und Facebook ist auch nicht besser, also kann ich auch gleich auf X bleiben“
Kritikpunkte wie Marktmacht, fehlende Abgrenzung zu demokratiefeindlichen Aussagen und der Schulterschluss mit Trump treffen auch auf Meta und den CEO Mark Zuckerberg zu. Aber anders als X wird Hass und Polarisierung auf Meta nicht in der gleichen Extreme gefördert. Auch betreibt Zuckerberg nicht den gleichen offen demokratiefeindlichen Aktivismus wie Musk.
Meta bekennt sich trotz aller Defizite und Schwachstellen dazu, Gewalt und Hassnachrichten begrenzen zu wollen – wenn auch erst unter Druck und Androhung finanzieller Sanktionen. Deshalb ist „dann kann ich auch auf X bleiben“ keine neutrale Entscheidung, sondern eine Priorisierung der schlimmsten Variante.
„Für frühzeitige Informationen/Breaking News und schnelle Reaktionen ist X nach wie vor die wichtigste Plattform, Bluesky und Instagram können da nicht mithalten“
Das war einmal. Da heute jeder blaue Haken kaufen kann, verbreitet sich Desinformation bei Breaking News schneller als Fakten. In Krisensituationen (siehe Unruhen UK oder US-Wahl) ist X mittlerweile eine Desinformationsschleuder, keine verlässliche Nachrichtenquelle mehr.
X ist ein sinkendes Schiff. Das lässt sich auch leicht selbst überprüfen, wenn man die eigene Reichweite auf Twitter mit der von heute vergleicht.
Der Umzug auf eine andere Plattform mag im ersten Moment mühsam und langwierig erscheinen. Aber Alternativen wachsen: Es entstehen Räume für neue Allianzen, neue Zielgruppen und neue Chancen auf eine eine demokratisch gestaltete digitale Öffentlichkeit. Nur müssen diese auch genutzt werden.
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