Im November 2025 kamen in Berlin Politprominenz und Firmenbosse zum europäischen Gipfel für digitale Souveränität zusammen. Die Ankündigungen und Absichtserklärungen überschlugen sich: Europa müsse schnellstmöglich technologisch unabhängig(er) werden. Auch die Privatwirtschaft stellte im Rahmen der „EU AI Champions Initiative“ neue Kooperationen und Investitionen in Aussicht. Ein Jahr später steht der nächste Digitalgipfel bevor. Zeit für eine Bilanz: Was ist aus den Ankündigungen geworden?
Kurz und knapp
Die deutsche Verwaltung bleibt abhängig: Die Dominanz von US-Anbietern in der Verwaltung bleibt trotz kleiner Fortschritte – wie etwa bei der Office 365-Alternative „openDesk“ oder dem „Deutschland-Stack“ – bestehen. Von insgesamt 785.000 Arbeitsplätzen in den Bundesministerien und ihren nachgelagerten Behörden kamen im April diesen Jahres nur circa 12.000 Arbeitsplätze komplett ohne Microsoft aus.
Wenig Geld für digitale Souveränität: Allein für Softwarelizenzen an US-Unternehmen zahlte die Bundesverwaltung im vergangenen Jahr 629 Mio. Euro. Im Vergleich dazu sind die Investitionen in Digitale Souveränität äußerst gering: Für seinen Haushalt 2026 sah das Digitalministerium für das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) 20 Mio. und für die Sovereign Tech Agency 27,8 Mio. Euro vor.
Frankreich macht es besser: Die französische Regierung hingegen stellt einen konkreten Plan vor, staatliche Arbeitsplätze schrittweise von Windows auf Linux umzustellen und die Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern systematisch abzubauen.
Europäische Initiativen starten erst langsam: ZenDis, die Sovereign Tech Agency und das europäische Digital Commons EDIC sollen offene digitale Infrastrukturen stärken. Bei vielen angekündigten KI-Partnerschaften aus der Privatwirtschaft („EU AI Champions Initiative“) bleibt dagegen unklar, inwiefern sie einen spürbaren Beitrag zur digitalen Souveränität leisten.
Es fehlt an Konsequenz: Statt vor allem neue KI-Investitionen und Kooperationen mit Big-Tech-Unternehmen zu feiern, braucht es klare Anforderungen an Offenheit und Interoperabilität sowie mehr Investitionen in unabhängige, resiliente digitale Infrastruktur.
Große Versprechungen vom Kanzler
Als Friedrich Merz im November 2025 den Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität in Berlin eröffnete, warnte er „Digitale Souveränität hat Kosten. Aber die digitale Abhängigkeit hat noch höhere Kosten“. So könnten es die USA oder China strategisch ausnutzen, dass Europa bei wichtigen Technologien auf Anbieter aus den USA oder China angewiesen sei. Merz‘ Antwort: Europa müsse eigene technologische Fähigkeiten aufbauen. Die Priorität müsse darauf liegen, eigene KI-Modelle zu entwickeln und die wirtschaftliche Position bei Schlüsseltechnologien wie Cloud-Computing und Mikroelektronik zu stärken. Der Staat solle bei dem Ziel, kritische Abhängigkeiten zu reduzieren, als Ankerkunde mit gutem Beispiel vorangehen und innerhalb von drei Jahren souveräne digitale Arbeitsplätze in der Bundesverwaltung schaffen.
Auf dem Weg zur digitalen Souveränität würden Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft nun stärker zusammenarbeiten, versprach Merz. Deutschland und Frankreich müssten enger zusammenarbeiten, um europäische Produkte und Dienste zu stärken. Um diese Zusammenarbeit voranzubringen, vereinbarten beide Regierungen auf dem Gipfel die Gründung einer gemeinsamen „Digital Sovereignty Task Force“ für digitale Souveränität, welche eine gemeinsame Definition und Kriterien für digitale Souveränität entwickeln und konkrete Maßnahmen zu deren Verankerung in der europäischen Politik vorschlagen sollte. Erst im Juni 2026, rund sieben Monate nach dem Gipfel, legten Deutschland und Frankreich die gemeinsame Definition vor. Ein großer Wurf sieht anders aus.
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Der lange Weg zur souveränen Verwaltung
Zur Stärkung der digitalen Souveränität hatte Merz im vergangenen Jahr einen wichtigen Hebel auserkoren: die öffentliche Beschaffung. Der Bund sollte mit seiner Nachfrage europäische Alternativen zu großen US-Technologiekonzernen stärken. Innerhalb von drei Jahren sollten souveräne digitale Arbeitsplätze in der Bundesverwaltung bereitgestellt werden. Seitdem sind Fortschritte bei mehreren Vorhaben zu verzeichnen – doch konkret bleibt Deutschland weit hinter den Ankündigungen zurück.
Während Schleswig-Holstein konsequent aus der digitalen Abhängigkeit aussteigt, geht es auf Bundesebene nur zögerlich voran. Ein Beispiel ist die openDesk, eine Software, die das staatseigene Unternehmen Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS), betreibt. OpenDesk ist eine Kollaborationssoftware, die verschiedene Open-Source-Komponenten bündelt und die Office Suite von Microsoft ersetzen soll. Das soll es der öffentlichen Verwaltung einfacher machen, frei zwischen verschiedenen Komponenten und IT-Anbietern zu wählen. Bereits 100.000 behördliche Arbeitsplätze haben auf openDesk umgestellt. Die Nachfrage nach openDesk auch aus der Privatwirtschaft ist inzwischen derart groß, dass ZenDis die Software nun auch über ein privatwirtschaftliches Partnernetzwerk verkauft.
Auch auf dem neuen „Marktplatz Deutschland Digital“, welcher im Rahmen des „Deutschland-Stacks“ der öffentlichen Hand als Marktplatz zur Beschaffung von digitalen Lösungen dienen soll, ist openDesk in einer Pilotphase verfügbar. Der „Deutschland-Stack“, mit welchem die Bundesregierung die Staatsmodernisierung vorantreiben will, hat also die reine Ankündigungsphase verlassen. Bund und Länder arbeiten an einer gemeinsamen digitalen Plattform mit interoperablen Komponenten und offenen Standards. Der Aufbau des Deutschland-Stacks soll schrittweise bis 2028 erfolgen. So begrüßenswert es auch ist, dass endlich Bewegung sichtbar ist: Die Mühlen mahlen langsam.
Tropfen auf den heißen Stein
Wie groß die Abhängigkeit zu US-amerikanischen Tech-Konzernen trotzdem noch immer ist, verdeutlichen einige Zahlen. Die 100.000 (von insgesamt fast 2 Millionen) mit openDesk ausgestattete behördliche Arbeitsplätze in der gesamten öffentlichen Verwaltung sind ein Tropfen auf den heißen Stein: 96 % aller Verwaltungsangestellten arbeiten laut eines ZenDis-Berichts von Februar 2025 immer noch täglich mit Microsoft-Produkten. Darüber hinaus schreibt ZenDis, dass 80 % der Verwaltungsdaten in Datenbanken des US-Unternehmens Oracle geladen werden und 75 % der Virtualisierungslösungen vom US-amerikanischen VMware kommen.
Für die Bundesverwaltung sind die Zahlen ähnlich ernüchternd. So hat die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken von April diesen Jahres ergeben, dass die Bundesministerien und ihre nachgelagerten Behörden allein im letzten Jahr 629 Millionen Euro für Softwarelizenzen an US-Unternehmen bezahlt hatten. Von insgesamt 785.000 Arbeitsplätzen in den Ministerien und nachgelagerten Behörden kamen nur circa 12.000 Arbeitsplätze komplett ohne Microsoft aus.
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Wie viele Haushaltsmittel im Vergleich dazu insgesamt an ZenDis flossen, ist trotz der kleinen Anfrage der Linken öffentlich nicht einsehbar. Angesichts der Millionen an Lizenzkosten spiegeln die 20 Millionen Euro, die das Digitalministerium 2026 an ZenDis vergab, nicht den großen Aufbruch ins digital souveräne Zeitalter in der Verwaltung wider.
Die französische Regierung agiert entschlossener
Während Deutschland jährlich Millionen an Lizenzkosten an Microsoft überweist und Fortschritte beim Abbau digitaler Abhängigkeiten nur mühsam zu erkennen sind, verfolgt Frankreich einen ambitionierten Kurs. Im April 2026 kündigte die Regierung an, staatliche Arbeitsplätze schrittweise von Windows auf Linux umzustellen. Alle Ministerien sollen bis Herbst 2026 ihre Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern erfassen und konkrete Pläne zu deren Abbau vorlegen. Die nationale Krankenversicherung will zudem 80.000 Beschäftigte auf staatliche IT-Dienste umstellen. Außerdem stellt Frankreich mit offenen, interoperablen Lösungen wie der Microsoft 365-Alternative „La Suite Numérique“ den Behörden eine staatlich entwickelte Sammlung von Büro- und Kollaborationswerkzeugen zur Verfügung.
Damit schafft Frankreich konkrete Vorgaben für den Umbau seiner staatlichen IT. Zugleich setzt die Regierung einen Appell um, den Präsident Emmanuel Macron bereits in seiner Rede beim Souveränitätsgipfel 2025 formulierte: „If it exists, take it, please take it, adopt it!“ Wettbewerbsfähige europäische Lösungen sollen nicht nur entwickelt, sondern auch tatsächlich eingesetzt werden. Ein klaren Plan zum Ausstieg aus US-Technologie im Maschinenraum der Verwaltung sucht man in Deutschland vergebens.
Sovereign Tech Agency macht Hoffnung
Ganz untätig ist Deutschland aber nicht geblieben. Mit der Sovereign Tech Agency hat die Bundesregierung bereits zu Ampel-Zeiten ein Leuchtturm-Projekt geschaffen. Die staatseigene Agentur, welche in offene digitale Infrastruktur investiert, um die Resilienz der deutschen Wirtschaft zu stärken, konnte seit dem letzten Jahr deutliche Fortschritte verzeichnen. Die Sovereign Tech Agency hat innerhalb des letzten Jahres ihr Sovereign Tech Resilience Programm zur Stärkung der Cyberresilienz von Open-Source-Projekten um mehrere Dienstleistungen erweitert. Anfang 2026 startete außerdem das Projekt Sovereign Tech Standards Network. Es soll Open-Source-Entwickler:innen und -Wartenden erleichtern, sich an der Entwicklung technischer Standards zu beteiligen. Ebenso wurde das Sovereign Tech Fellowship, das Open-Source-Expert:innen fördert, 2026 ausgeweitet.
Zukünftig plant die Sovereign Tech Agency, strategische Investitionen gezielter zu stärken, die Koordination auf europäischer Ebene auszubauen und den Privatsektor stärker in die Finanzierung und Wartung von Open-Source-Infrastrukturen einzubinden.
Doch die Investitionen fallen karg aus. Der Haushaltsplan des BMDS sieht für das kommende Jahr für den Posten „Digitale Souveränität und Ökosystem digitaler Innovationen (einschließlich Sovereign Tech Agency)“ jedoch lediglich 27.432.000 Euro – und damit sogar 370.000 Euro weniger als im Vorjahr – vor. Was neben der Sovereign Tech Agency noch über diesen Titel finanziert wird, bleibt unklar.
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Die Arbeit der Sovereign Tech Agency hat auch auf EU-Ebene Vorbildcharakter: Im Herbst 2025 gründeten Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Italien und Luxemburg das Digital Commons EDIC (DC-EDIC). Ziel dieses Konsortiums ist es, offene digitale Lösungen zu entwickeln, langfristig zu warten und zu verbreiten, um Europas technologische Abhängigkeit zu verringern. Für Deutschland sind die Sovereign Tech Agency und ZenDiS eingebunden. Im Oktober diesen Jahres verabschiedete das Konsortium seine erste Umsetzungsstrategie. Die Strategie setzt bis Ende 2027 auf drei Schwerpunkte: europäische Akteure und Ressourcen besser zu vernetzen, den grenzüberschreitenden Einsatz offener digitaler Lösungen zu erleichtern und kritische Open-Source-Komponenten langfristig zu sichern. Konkret arbeitet das DC-EDIC an grenzüberschreitend nutzbaren Open-Source-Arbeitsplatzlösungen und erprobt auf Basis der Erfahrungen der Sovereign Tech Agency einen europäischen Fonds, um kritische Open-Source-Komponenten langfristig zu finanzieren und abzusichern. Bis Ende 2027 will das Konsortium die Ergebnisse bewerten und über die Fortführung oder Ausweitung der Projekte entscheiden.
Die AI Champions Initiative: viele Partnerschaften, offene Bilanz
Im Rampenlicht des Digitalgipfels stand eine „EU AI Champions Initiative“. Investitionen von über 1 Milliarde Euro in 18 Vorhaben hatten Akteure der europäischen Digitalwirtschaft angekündigt. Die Kooperationen zielten auf verschiedenste Bereiche und beinhalten zum Beispiel:
Gesundheit: Die Plattform Doctolib kündigte Investitionen in KI an, um Verwaltungsaufgaben zu automatisieren und medizinisches Personal zu entlasten. Current AI und SPRIND stellten eine deutsch-französische „Health Data Challenge“ in Aussicht, um Gesundheitsdaten besser für die KI-Forschung nutzbar zu machen.
Unternehmensanwendungen: Black Forest Labs und Mercedes-Benz wollten maßgeschneiderte Anwendungen entwickeln. Die Otto Group stellte rund 350 Millionen Euro für Investitionen in Zukunftstechnologien wie KI in Aussicht.
Verteidigung: Das Rüstungsunternehmen Helsing und die KI-Firma Mistral AI vereinbarten, KI-Modelle für Sicherheitsanwendungen weiterentwickeln zu wollen und ICEYE wollte seine Satellitenproduktion ausbauen.
Infrastruktur: Die Deutsche Telekom und PhysicsX kündigten an, KI-Anwendungen für die Industrie über die Industrial AI Cloud bereitzustellen. Nextcloud setzte sich das Ziel, bis 2030 mehr als 250 Millionen Euro für digitale Souveränität, Open-Source-Software, KI und Forschung zu investieren.
So sinnvoll diese Vorhaben auch auf den ersten Blick wirken, die „AI Champions Initiative“ kann man durchaus kritisch hinterfragen. Organisiert wird die Initiative von der Lobbyagentur FGS Global sowie von Jeannette zu Fürstenberg, die für den US-amerikanischen Investor General Catalyst arbeitet und auf dem letzten Gipfel eine Vertreterin von Palantir zu einem Roundtable mit Merz und Macron einlud. Doch wie nachhaltig waren die wohlklingenden Ankündigungen, die Kanzleramt und Elysée-Palast mit heißer Nadel als Erfolgskommunikation des Digitalgipfels zusammengestellt hatten?
Was aus den AI Champions-Ankündigungen wurde
Ein Jahr später fällt die Bilanz der „ EU AI Champions Initiative“ gemischt aus. Einige Vorhaben haben zwar mittlerweile konkrete Formen angenommen. So ist die im Rahmen der Initiative angekündigte und mit 125 Millionen Euro ausgestattete SPRIND-Challenge „Next Frontier AI“ bereits angelaufen und soll neue Modellarchitekturen und Trainingsmethoden fördern. Nextcloud nahm mit Armira Growth erstmals einen externen Minderheitsinvestor auf, um seine geplanten Investitionen von mehr als 250 Millionen Euro bis 2030 schneller umzusetzen. Auch beim Satellitenunternehmen ICEYE ging es voran: Im November 2025 entstand das Gemeinschaftsunternehmen Rheinmetall ICEYE Space Solutions. Im Dezember erhielt es einen Bundeswehr-Auftrag im Wert von rund 1,7 Milliarden Euro für satellitengestützte Aufklärungsdaten. Im Oktober 2026 meldete Rheinmetall den Start der Satellitenproduktion in Neuss.
Doch viele Vorhaben zahlen auf das Ziel der digitalen Souveränität nicht ein. Sie drohen sogar, die Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologiekonzernen zu verstärken, statt sie zu verringern. Die Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom ist zwar in Betrieb und hostet zum Beispiel die Engineering-Plattform von PhysicsX. Doch die staatlich geförderte Cloud setzt auf Nvidia-Hardware und soll neben offenen Ansätzen auch proprietäre Modelle des US-Konzerns nutzen.
Doctolib treibt seine KI-Entwicklung voran, hat jedoch ebenfalls eine Investition von Nvidia angekündigt. Die Otto Group setzt KI bereits bei der Produktsuche und im Kundenservice ein, jedoch auch hier in Zusammenarbeit mit Nvidia und auf Basis der KI Google Gemini. Mercedes-Benz baut ebenso seine Kooperation mit Nvidia aus und setzt Microsoft 365 Copilot an digitalen Arbeitsplätzen ein. Zugleich entwickelt Mercedes mit den europäischen Partnern CONTACT Software und Siemens seine PLM.AI-Architektur weiter.
Große Fragezeichen gibt es bei zwei Forschungsprojekten. Anstelle der von Current AI und SPRIND geplanten „Health Data Challenge“ gibt es inzwischen das SPRIND-Programm „Recoding Medicine“ , allerdings ohne nachvollziehbare Verbindung zu Current AI. Auch bei der geplanten Forschungsinfrastruktur von Charité, Gustave Roussy und Owkin ist kein konkreter Fortschritt der Dreierkooperation belegt. Owkin und Gustave Roussy erproben zwar einen KI-Assistenten. Die Charité wird in der Mitteilung zur Zusammenarbeit jedoch nicht als Partner genannt.
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Die Bundesregierung, SAP und Mistral: Alles nur ein Missverständnis?
Wie holprig sich die tatsächliche Umsetzung von Gipfel-Ankündigungen gestaltet, zeigt sich auch an der geplanten deutsch-französischen Zusammenarbeit bei KI-Lösungen für die Verwaltung. Im November 2025 bekundeten beide Regierungen ihre Absicht, gemeinsam mit SAP und Mistral AI eine strategische öffentlich-private Partnerschaft aufzubauen, die öffentliche Dienstleistungen mithilfe von KI effizienter, transparenter und reaktionsfähiger machen soll. Doch die Bundesregierung ruderte zurück. So habe es sich laut Digitalministerium bei der angekündigten Zusammenarbeit des Bundes mit Mistral und SAP nur um eine unverbindliche Absichtserklärung gehandelt. Eine Rahmenvereinbarung sei letztlich nicht zustande gekommen. Die kommerzielle Partnerschaft zwischen SAP und Mistral bestehe jedoch weiter. Was genau das bedeutet, bleibt unklar.
Die Bilanz? Bitte mehr Tempo bei Souveränität statt KI-Wettlauf!
Ein Jahr nach dem „Europäischen Gipfel zur digitalen Souveränität“ fällt die Bilanz ernüchternd aus. Den großen Worten folgen nur sehr kleinteilige Taten.
Mit openDesk, dem Deutschland-Stack und den Programmen der Sovereign Tech Agency sind zwar konkrete Vorhaben angelaufen. Während Frankreich jedoch einen klaren Plan verfolgt, um seine staatliche IT unabhängiger aufzustellen, bleibt Deutschland trotz erster Fortschritte stark von Microsoft abhängig und zahlt dafür jährlich Hunderte Millionen Euro. Es gibt keine erkennbare Strategie, statt in Lizenzkosten für US-Unternehmen in eigene Infrastrukturen zu investieren.
Auch bei den auf dem Gipfel angekündigten KI-Partnerschaften ist häufig unklar, was diese bisher konkret geleistet haben und ob sie tatsächlich dazu beitragen, Europas digitale Abhängigkeit zu verringern. Es bleibt der Eindruck, dass man den Unternehmen eine Bühne geboten hat, sie aber nicht auf die Zusagen verpflichtet.
Gleichzeitig dominieren der globale KI-Wettlauf und Investitionsankündigungen die politische Agenda. Während Partnerschaften mit US-Konzernen als Standorterfolge gefeiert werden, scheint die Zielsetzung der digitalen Souveränität aus dem Blick zu geraten. Die Bundesregierung will leistungsfähige KI für die Industrie und eine wettbewerbsfähige digitale Wirtschaft. Dafür heißt sie internationale Kooperationen und Investitionen willkommen.
Doch nicht jede Investition in Deutschland stärkt auch die digitale Souveränität. Denn dafür braucht es faire Wettbewerbsbedingungen, klare Anforderungen an Offenheit, Sicherheit und Interoperabilität sowie Investitionen in eine resiliente, offene digitale Infrastruktur. Der Staat kommt seiner Daseinsvorsorge für eine digitale Infrastruktur nicht nach. Die Bundesregierung hängt weiterhin am Tropf von wenigen US-amerikanischen Anbietern. Vom Elan, den Friedrich Merz und Karsten Wildberger im November versprüht haben, ist nur wenig übrig geblieben. Am Ende liegen die Prioritäten woanders – etwa US-Konzernen den roten Teppich auszurollen, wenn sie neue Investitionen ankündigen.
Ob das beim Digitalgipfel 2026 anders wird? Diesmal soll sich zwei Tage lang alles um sichere, souveräne und wettbewerbsfähige KI drehen. Das klingt gut und ambitioniert. Der Blick auf die Entwicklungen seit dem letzten Gipfel zeigt aber: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Ankündigungen und Wirklichkeit. Und auf letztere kommt es am Ende an. Es steht zu befürchten, dass der große Wurf auch diesmal ausbleibt.
Redaktion: Michael Kolain
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