Eurosky, Mastodon, Wedium, W Social – Worauf es bei europäischen Plattformen ankommt

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Spätestens seit Elon Musks Twitter-Kauf ist die Sehnsucht nach besseren Social-Media-Plattformen ein Massenphänomen. Viele Nutzende in Deutschland und Europa würden amerikanische und chinesische Plattformen mit ihren intransparenten Mechanismen und toxischen Dynamiken gern verlassen – wenn der Absprung nicht so weh täte. Denn Netzwerkeffekte wirken als Lock-In-Falle. Eine Plattform lebt von vielfältigen Stimmen und die müssen erstmal vorhanden sein.

In der deutschen und europäischen Medienpolitik geistert deshalb seit Jahren die Idee einer „europäischen Plattform“ herum. Das Problem: Diese Debatte ist eher Projektionsfläche als Produktstrategie. In der Vergangenheit sind viele europäische Social-Media-Anläufe an immer denselben Hürden gescheitert: zu wenige Nutzende, nicht genug Finanzierung, sperrige oder veralterte Benutzeroberflächen (StudiVZ) – oder der wenig kreative Versuch, das Silicon-Valley-Modell einfach nur mit EU-Flagge nachzubauen.

Gerade deshalb lohnt ein nüchterner Blick auf unterschiedliche Ansätze, die gerade als Alternativen diskutiert werden oder sich medienwirksam ins Spiel um Venture Capital und öffentliche Förderung bringen wollen: Mastodon (beziehungsweise das Fediverse), Bluesky-Ökosysteme mit EU-Hosting-Idee wie „Eurosky“ (basierend auf dem AT Protocol), sowie die zwei neuen Startups W Social und Wedium, die sich explizit als europäische Gegenentwürfe zum Silicon Valley inszenieren.

Worauf es jetzt wirklich ankommt

Dass nun viele Experimente unternommen werden ist positiv: Wie sonst soll man herausfinden, welche Alternative Nutzende in Europa anspricht? Klar ist aber auch: Diese Fragmentierung sollte kein Dauerzustand werden. Ähnliche Versuche sind in der Vergangenheit krachend gescheitert. Damit das nicht wieder passiert und ein echter Mehrwert entsteht, muss eine europäische Social-Media Plattform vier Kern-Anforderungen erfüllen:

  1. Souveränität & Rechtsdurchsetzung: Europäische Betreiberstrukturen und Betrieb der Infrastrukturen in der EU, damit Rechte nach DSGVO/DSA nicht nur auf dem Papier existieren – und damit ausländische private Akteure nicht nach Belieben am demokratischen Diskurs drehen können.

  2. Netzwerkeffekt ohne Lock-in: Es braucht so viele Nutzende wie irgendwie möglich. Interoperabilität und Portabilität sind deshalb zentral: Je leichter Umzug und Wechsel zwischen Clients und Anbietern fallen, desto besser.

  3. Gute Nutzendenerfahrung ab Minute 1: Menschen bleiben dort, wo es funktioniert, Spaß macht und die Kultur stimmt. Nur aus politischen Gründen oder wegen der AGBs ist noch keine Plattform groß geworden.

  4. Finanzierung ohne Überwachungsanreize: Mit Kopien von Silicon Valley Geschäftsmodellen auf EU-Servern ist wenig gewonnen. Wenn personalisierte Werbung über Tracking das Finanzierungskonzept ist, dann wird das automatisch die selbe toxische Aufmerksamkeitslogik nach sich ziehen.

1) Das dezentrale Original: Mastodon

Mastodon existiert seit 2016 und ist eine Open-Source-Software für Microblogging. Es ist nicht  eine einzelne Plattform, sondern ein föderiertes Netzwerk aus unabhängigen Servern („Instanzen“), die über das Protokoll ActivityPub miteinander sprechen – ähnlich wie E-Mail: Viele Betreiber, ein gemeinsamer Standard. 

Stärken

  • Dezentralität als Machtbremse: Kein einzelnes Unternehmen und keine Behörde besitzt oder kontrolliert das Netzwerk. Communities können sich abspalten, neue Instanzen gründen, Regeln verändern.

  • Interoperabilität im Fediverse: ActivityPub ist über Mastodon hinaus relevant. Das macht das Ökosystem prinzipiell erweiterbar, über die Mastodon App und Microblogging hinaus. 

Herausforderungen

  • „Not for Sale“: Mastodon betont, keine Werbung auszuspielen und setzt auf Community-/Spendenlogik statt Ad-Tech. Es ist offen, ob dieses Modell für eine ausreichende Finanzierung sorgen kann.

  • Bedienbarkeit: Die Dezentralität ist ein Feature – aber auch eine Einstiegshürde, die weniger technikaffine Nutzende abschreckt.

  • Uneinheitliche Produktentwicklung: Weil keine einzelne Instanz Designentscheidungen treffen kann und die Mastodon App-Entwicklung chronisch unterfinanziert ist, wirken die Bedienoberflächen veraltet und weniger „glatt“ als Big-Tech-Apps – trotz vieler guter (eher unbekannter) Drittanbieter-Clients.

Kurz gesagt: Mastodon löst das Eigentümerproblem radikal – bezahlt aber mit Komplexität und hat es deshalb bislang nicht geschafft, über eine Nische hinaus Nutzende zu gewinnen. Wir haben im vergangenen Jahr geschrieben, wie gezielte Innovationsförderung diese Probleme lösen könnte. Der Vorteil, den Mastodon gegenüber allen anderen europäischen Alternativen hat: Es ist mehr als eine Idee, es existiert bereits mit Millionen Nutzenden und verfügt über eine große Community.

2) Europäisches Hosting im Bluesky-Ökosystem: Eurosky

Bluesky ist als App mit 40 Millionen Nutzenden inzwischen groß genug, um als echte Alternative zu X (ehemals Twitter) wahrgenommen zu werden. Interessant daran ist vor allem das Protokoll darunter: das AT Protocol (ATProto) verspricht, Identität und soziale Graphen portabler zu machen.

Hier setzt Eurosky an: nicht als noch eine neue App, sondern als europäisch betriebene Infrastruktur im ATProto-Ökosystem. Eurosky argumentiert: ATProto ermögliche echte Interoperabilität, Nutzende könnten zwischen Diensten wechseln, ohne Beziehungen zu verlieren.

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Was Eurosky verspricht

  • EU-hosted Accounts und Dienste: Ein Account, der über mehrere Apps/Dienste funktioniert, betrieben und „governed in Europe“. 

  • Regulatorik by design: In den Entwicklungsplänen nennt Eurosky konkrete Bausteine, um DSA-Pflichten leichter umzusetzen (u.a. Transparenz-Tools, Notice-and-Action-Mechanismen) sowie eine modulare Moderationsplattform („CoCoMo“). 

  • Monetarisierung ohne Überwachungslogik: Eurosky plant „contextual, privacy-respecting monetisation“ – also durchaus kontextbasierte Einnahmemodelle, aber ohne umfassende Verhaltensprofile. Auch Abo-Modelle und Vergütung für Kreatoren sind vorgesehen.

  • Eine Identität - viele kompatible Apps: Die Community und auch Firmen entwickeln verschiedene Apps, die auf dem Hosting und ATProto aufsetzen. So wie zum Beispiel die Foto- und Video-Plattform Flashes.

Herausforderungen

  • Das Eurosky Vorbild Bluesky hat im Unterschied zu X eine weniger heterogene Nutzerschaft, die sich aus Personen zusammensetzt, die X bewusst verlassen haben. Dadurch sind nicht alle politischen Meinungen gleichermaßen vertreten. Es kann von Nutzenden als Vorteil empfunden werden, wenn sie nicht mit extremistischen Inhalten konfrontiert werden. Andere wiederum finden eine größere Meinungsvielfalt an X interessant. Vor allem fehlen aber politikferne Nutzende, die sich für technische, popkulturelle oder alltägliche Themen interessieren.

  • Dauerthema auf Bluesky und ein echter Zielkonflikt ist die Frage nach dem richtigen Umfang von Moderation. Das Interesse, sich nicht mit problematischen Inhalten und Verhaltensweisen auseinandersetzen zu müssen, ist berechtigt. Nutzende können deshalb eigene Bann-Listen und Filter konfigurieren.

Der entscheidende Unterschied zu Mastodon:

  • Eurosky will eigentlich keine App oder Community selber bauen, sondern einen Infrastruktur-Layer, an die andere Firmen andocken.

  • Weil es auf ATProto basiert, wird Eurosky nicht so dezentral sein können wie Mastodon. Das hat auch Vorteile für eine schnellere (Echtzeit-)Verbreitung von Inhalten.

Kurz gesagt: Eurosky ist der Versuch, Netzwerkeffekt und Souveränität zu kombinieren, indem man sich am Vorbild Bluesky orientiert, hohe Portabilität ermöglicht und europäisches Hosting hierfür anbietet.

3) Bislang nur ein Trailer voller Versprechungen: W Social

W Social wurde medienwirksam in Davos als neues europäisches Netzwerk präsentiert, das „Values“ und „Verified“ (V+V=W) ins Zentrum stellt. Die Personal- und Unterstützerliste ist prominent. Als CEO ist Anna Zeiter dabei, die davor Chief Privacy Officer bei ebay war. Das Geld kommt von der schwedischen Firma „We Don‘t Have Time AB“, die bislang Klimaprojekte finanziert hat. Auch Ex-Wirtschaftsminister Philipp Rösler mischt als Mitglied eines Beratergremiums mit.

Was W Social verspricht

  • Nutzende sollen sich als Menschen identifizieren müssen, um Bots auszuschließen.

  • Es soll ein Microblogging-Dienst werden, vergleichbar mit X.

  • Daten werden „dezentral in Europa“ gehostet und EU-Datenschutzregeln gelten.

  • Es wird ein Mechanismus erwähnt, der optional Beiträge aus einer „anderen Meinungsblase“ in den Feed mischt. 

Kurz gesagt: W Social ist Stand jetzt nur ein Wagnis. Es gibt zwar viel Medienberichterstattung, aber kein Produkt und keine Community, nur eine Warteliste. Der Erfolg wird von der Qualität der Benutzeroberfläche abhängen und davon, wie schnell es gelingt, genug Nutzende zu binden.

4) Nicht zu verwechseln und mit visuellem Fokus: Wedium

Wedium ist der Name der Marke, mit der ein Berliner Startup aus einem Werber-Umfeld an den Start geht. Auch hier gibt es noch kein Produkt, nur eine wenig aufschlussreiche Website. Der Fokus soll anders als bei W Social stärker auf visuellen Inhalten liegen und orientiert sich mehr an TikTok und Instagram als an X. Der Launch soll im Juli 2026 erfolgen.

Was Wedium verspricht: 

  • Verifizierungspflicht, das bedeutet: Anmeldung und Nutzung nur nach Identitätsnachweis

  • Strenge DSGVO-Konformität

  • Transparente Monetarisierung und Unterstützung für Qualitätsjournalismus

  • Ein scrollbarer Feed, der so designt sein soll, dass er weniger süchtig macht.

Kurz gesagt: Wedium setzt auf maximale Identitäts-Verifikation als Kernfeature und will verhindern, dass Nutzende zu viel Zeit in der App verbringen. Das kann eine Nische bedienen – oder den Netzwerkeffekt und das Wachstum der Plattform abwürgen.

W Social und Wedium werfen vor allem Fragen auf

Bislang gibt es keine Produkte, sondern nur Ankündigungen. Bis aus einer Idee eine Social-Media Plattform wird, sind noch viele Hürden zu nehmen. Die Herausforderung ist nicht nur technisch, es müssen auch komplexe Zielkonflikte entschieden werden.

  • Verifikation als hohe Eintrittsschwelle: Eine Identitätsprüfung ist eine Hürde – gerade für das initiale Wachstum und niedrigschwellige Alltagsnutzung. Und wie überzeugt man Nutzende, denen Anonymität wichtig ist?

  • Netzwerkeffekt und das Nischenproblem: Die Ankündigung richten sich jeweils an eine enge Zielgruppe von Nutzenden, die vor allem mit Argumenten wie Rechtskonformität, europäischer Souveränität und mentaler Gesundheit überzeugt werden soll. Werden die Apps so jemals genug Nutzende erreichen können?

  • Interoperabilität und Dezentralität: Es gibt bei W Social die Vermutung, dass eine ATProto-Anbindung geplant ist. Bezüglich Wedium ist nichts bekannt. Wie leicht wird also der Umzug fallen? Und wäre es nicht einfacher, die Apps von Anfang an föderativer oder mit Schnittstellen zu planen, damit sich die europäischen Alternativen weniger stark gegenseitig kannibalisieren?

  • Monetarisierung: Wie wird die Plattform monetarisiert und finanziert? Gibt es einen anderen Weg als personenbezogene Werbung? Und steht das eigentlich im Widerspruch zu dem Ziel, dass die Apps weniger süchtig machen?

Neues wagen und dabei aus Fehlern lernen

Europa befreit sich nur dann aus der Abhängigkeit von einzelnen sozialen Netzwerken, wenn es die richtigen strategische Fragen stellt. Nicht „Welche europäische App ersetzt X oder Instagram?“, sondern: „Welche offenen Protokolle, Hosting- und Moderationsinfrastrukturen reduzieren Lock-in, überwinden Netzwerkeffekte – und erlauben einen fairen Wettbewerb um die beste Nutzendenerfahrung?“

Genau deshalb wirken Mastodon/Fediverse und ATProto-Ansätze wie Eurosky relevanter als reine Neugründungen: Sie erlauben theoretisch, dass viele europäische Angebote entstehen, ohne dass jedes einzelne bei Null anfangen muss - und ohne dass die neuen Anbieter sich gegenseitig Nutzende wegnehmen. Denn das wichtigste Qualitätskriterium eines sozialen Netzwerkes ist und bleibt seine Größe. Nischen-Plattformen für Hochmotivierte gibt es bereits.

Gleichzeitig darf es nicht um ein Wachstum der Plattformen um jeden Preis gehen. Dann hat man am Ende süchtig machende Plattformen auf EU-Servern – und im Ergebnis außer Souveränität nichts gewonnen. Governance, Moderation, Vergütungsmodelle, das Handling von sensiblen Daten, der Umgang mit Sucht und digitaler Gesundheit: Die Lösung für diese Fragen findet man nur durch Probieren. In diesem Sinne ist, trotz aller Skepsis, jedes europäische Social-Media Experiment eine gute Nachricht. 

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