Galaktische Macht mit SpaceX

Mit Börsengang baut Elon Musk seine digitale Infrast­ruktur weiter aus

, Berlin Michael Kolain

Elon Musks Firma SpaceX steht vor dem größten Börsengang der Finanzgeschichte. Dadurch gibt der reichste Mensch seine starke Stellung im Unternehmen allerdings nicht auf – ganz im Gegenteil. Er gewinnt noch mehr Mittel, um seine Pläne für Satelliteninternet und KI-Rechenzentren voranzutreiben. Musk hat SpaceX Anfang der 2000er Jahre gegründet, um eigene Raketen ins Weltall zu schicken. Inzwischen baut das Unternehmen auch Infrastruktur in Form von Satellitennetzen und möchte Rechenzentren ins All verlagern.  Wird der reichste Mann der Welt so zum Infrastruktur-Gigant?

Das Firmennetzwerk von Elon Musk und der Börsengang von SpaceX

Der Börsenstart ist für den 12. Juni an der US-Technologiebörse Nasdaq terminiert. Das Unternehmen plant, etwa 4% der Aktien für voraussichtlich jeweils 135 US-Dollar zu verkaufen. SpaceX könnte so auf einen Schlag um die 80 Milliarden Dollar einsammeln, prognostizieren Analysten. Die haben vor dem Börsengang SpaceX mit einem Wert von 1,77 Billionen US-Dollar als sehr wertvoll eingestuft. 

Mehr Geld bei faktisch gleichbleibender Macht

Durch den Börsengang gibt Elon Musk zwar Anteile an der Firma ab. Seine Macht im Unternehmen verringert sich aber nicht. Die Aktionäre werden kein Mitspracherecht haben. Denn es gibt zwei Arten von Aktien: Klasse A für normale Käufer und Klasse B, die für private Investoren vorbehalten sind. Aktien, die Musk selbst besitzt, haben ein zehnfaches Stimmrecht. Das führt dazu, dass Musk nach dem Börsengang 82,4 % aller Stimmen kontrolliert. Im Vergleich zu anderen börsennotierten Unternehmen werden die Aktionäre deutlicher weniger Einfluss und Rechtsschutz haben: Sie müssen unter anderem auf Sammelklagen verzichten und dürfen Streitigkeiten nur per Schiedsverfahren lösen. Letztlich kann Musk weiter im Alleingang über seine Firma entscheiden. Durch seine guten Verbindungen zum US-Präsidenten hat der Tech-Milliardär bei zukünftigen Entscheidungen wenig Widerstand von Bundesbehörden zu erwarten. Zugleich dürfte sich sein privates Vermögen durch den Börsengang nahe an die Eine-Billion-Grenze (1 Billion = 1000 Milliarden) bewegen. Eine astronomische Summe, die ihm enormen Einfluss verschafft.

SpaceX als Herzstück des Firmengeflechts von Elon Musk

Mit SpaceX verbindet Musk nun mehrere Geschäftsfelder: Raumfahrt, Satelliten, Internetanbindung („Starlink“), Rechenzentren, Künstliche Intelligenz, Social Media und Verteidigung. Damit wird der Konzern zum Herzstück des reichsten Menschen der Erde. Doch er setzt nicht alles auf die Karte SpaceX. Andere Teile des Portfolios von Musk bleiben separate Unternehmen. Mit Tesla stellt er automatisierten Elektrofahrzeugen und Roboter her, mit Neuralink entwickelt er Gehirn-Computer-Schnittstellen und mit The Boring Company baut er Tunnel- und Verkehrsinfrastruktur. Über die Frage, ob das dauerhaft so bleibt, oder ob am Ende eine Dachmarke des Musk-Imperiums nach dem Vorbild Alphabet oder Meta entsteht, ist Teil wilder Spekulationen.

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Riesige Erwartungen trotz riesiger Verluste

Im letzten Jahr schrieb die Firma mit Hauptsitz in Texas rote Zahlen von rund 4,9 Milliarden Dollar. Die Entwicklung der Rakete Starship und der Aufbau der KI-Infrastruktur hat sehr viel Geld verschlungen. Durch umfangreiche Verträge mit Anthropic und Google über Rechenleistung oder die Nutzung von KI-Chips von Nvidia auf der einen Seite, und enorme Auftragsvolumina mit dem US-Militär und der NASA gibt es aber profitable Geschäftsmodelle. Für Starlink dürfte der wachsende Markt für Satelliteninternet besonders rentabel sein.

Der Kampf um das Internet aus dem All

SpaceX hat innerhalb von 5 Jahren über 10.000 Satelliten in den Orbit gebracht – damit kontrolliert Elon Musk fast zwei Drittel aller (derzeit) aktiven Satelliten. Und das ist wohl erst der Anfang: Der Plan ist es, das Starlink-Netzwerk auf 42.000 Satelliten auszubauen. Im Vergleich: Die EU plant, mit dem Programm IRIS2 („Iris Squared“) bis 2030 insgesamt 10,6 Milliarden Euro zu investieren, um 300 Satelliten ins All zu bringen. Echte Konkurrenz sieht anders aus. 

Auch China hat große Pläne

Ein Gegengewicht zu Starlink bahnt sich derzeit aus China an. Die zwei größten Projekte sollen bis 2030 insgesamt knapp 30.000 Satelliten ins Weltall bringen. Guowang als staatliche Infrastruktur für Satelliteninternet anbieten, das Satellitennetzwerk Qianfan als kommerzieller Dienst für den Rest der Welt. Im Januar gab es Berichte, dass China nun sogar bis zu 200.000 weitere Satelliten bei der International Telecommunications Union (ITU), eine Koordinationsstelle der Vereinten Nationen, beantragt hat.

Der Blick auf die Anmeldungen bei der ITU legt nahe: Das Internet der Zukunft dürfte in den Händen der Kommunistischen Partei in China und dem reichsten Mann der Welt liegen. Wenn es hart auf hart kommt, können sie das Internet in großen Teilen der Welt abschalten. Es ist auch möglich, dass sie den Datenverkehr mitlesen oder massenhaft Metadaten sammeln. In einer Zeit, in der sogar europäischen Sicherheitsbehörden die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung unterminieren wollen, ist das kein gutes Signal für das Grundrecht auf vertrauliche Kommunikation und Privatsphäre.

Europa ist beim Wettrüsten im All außen vor außen vor 

Während China und SpaceX im Weltall aufrüsten, versucht die Bundesregierung über „Markterkundungsverfahren“ und komplizierte Förderstrukturen, Glasfaserkabel zu verlegen, Funklöcher im ländlichen Raum zu beseitigen und Mobilfunkmasten in Naturschutzgebieten zu genehmigen. Deutschland bleibt also trotz des inständigen Wunsches nach digitaler Souveränität vor allem eins: abhängig. Die Deutsche Telekom hat sich mit Starlink darauf geeinigt, dass bei schlechtem Empfang unter freiem Himmel ab 2028 das Internet aus dem All einspringt. Sobald digitale Endgeräte dazu in der Lage sind, sich direkt mit dem Internet aus dem All zu verbinden (sog. Satellite-to-Mobile), wäre die Welt der SIM-Karten und Roaminggebühren womöglich vorbei. 

Ohne regulative Korrektur wird künftig entweder China oder Elon Musk den Markt für weltweit mobiles Internet dominieren. Wer den günstigsten und einfachsten Zutritt zum Internet eröffnet, erhält Zugriff auf den weltweiten Kommunikationsverkehr. Es wäre nicht nur der Anfang vom Ende der Betreiber terrestrischer Mobilfunknetze, wie Vodafone oder der Telekom – sondern auch ein Machtzentrierung, die das Internet noch nicht gesehen hat. 

Gegen wen soll ein europäischer Bürger oder Staat vorgehen, wenn Peking oder Musk am längeren Hebel sitzen und im Zweifel das Internet abdrehen können? Mit „Satellite Connect Europe“ hat sich jüngst ein Konsortium gegründet, bei dem alles aus europäischer Hand kommen soll – das Internet aus dem All soll künftig auch mit handelsüblichen 4G- oder 5G-Smartphones nutzbar sein. Wie hoch die Investitionen der Firmen rund um Vodafone sein werden, ist bislang nicht bekannt. Man steht wohl noch ganz am Anfang – anders als Starlink oder China.

Fokus Hardware: SpaceX stellt KI-Chips und Rechenzentren – bald auch im All?

Im Jahre 2025 flossen laut einem Bericht von The Verge rund zwei Drittel der Investitionsausgaben von SpaceX in den Ausbau der KI-Kapazitäten. Langfristig plant Elon Musk mit der Kombination aus Raumfahrt und KI-Hardware Rechenzentren im All zu betreiben – betrieben durch Solarkraft, über die Starlink-Satelliten mit dem Planeten verknüpft und ohne CO2-Ausstoß in die Erdatmosphäre. Doch das ist derzeit noch Zukunftsmusik. 

Im Bereich KI-Infrastruktur hat die Tochtergesellschaft xAI bereits früh Fakten geschaffen. Elon Musk hat erkannt, wie wichtig es ist, über eigene Rechenzentren zu verfügen. Um seinen Chatbot Grok zu trainieren, hat er 2024 in Memphis, Tennessee den Supercomputer „Colossus“ errichten lassen. Der war ursprünglich mit 100.000 Nvidia Grafikkarten ausgestattet. Mittlerweile sollen es mehr als eine halbe Million sein. Durch diese Erweiterungen soll der Colossus-Campus künftig eine Gesamtleistung bis zu 2 Gigawatt erreichen. Das entspräche ungefähr dem Strombedarf einer deutschen Metropolregion mit mehreren Millionen Einwohnern. 

Wie im Bereich Satelliteninternet war Elon Musk auch im Bereich KI-Hardware ein „first mover“. Musk erkannte früh, dass es einen Andrang auf KI-Chips und Rechenzentren geben wird, und hat in diese investiert.  Das zahlt sich für SpaceX nun aus – unter anderem durch Großverträge mit Anthropic und dem Alphabet-Konzern. Google überweist SpaceX ab Oktober 920 Millionen Dollar pro Monat, um die KI-Rechenpower zu nutzen, bei Anthropic sollen es 1,2 Milliarden pro Monat sein. Indem Musk alle Kräfte im Bereich KI, Daten und Weltall in SpaceX zusammenführt, bündelt, entsteht eine digitale Infrastruktur, die ihresgleichen sucht. 

Höher, schneller, weiter – Elon Musk auf dem Weg zum Weltall-Monopol im Westen

Offizielles Ziel von SpaceX ist es, eine dauerhafte menschliche Kolonie auf dem Mars mit mindestens einer Million Einwohnern zu errichten. Elon Musk erzählt immer wieder davon, dass er so das Überleben der Menschheit für den Fall sichern will, dass der Planet Erde von einem Asteroiden getroffen oder auf andere Weise unbewohnbar wird. In den Unterlagen für den Börsengang heißt es wiederkehrend, SpaceX solle das „Licht des Bewusstseins bis zu den Sternen ausweiten“ („extend the light of consciousness to the stars“) - die Poesie eines Science-Fiction-Fans.

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Wie realistisch und wünschenswert das ist - und viel Marketing dahintersteckt? Darüber lässt sich streiten. Das Angebot von SpaceX grundsätzlich zu verteufeln, macht wenig Sinn. Zu beeindruckend sind die technologischen Innovationen, die Skalierung und der wirtschaftliche Erfolg der Unternehmen. 

Die digitale Infrastruktur in der Hand des reichsten Menschen der Welt

Das Problem an SpaceX ist die Machtkonzentration bei einer einzelnen Person. Elon Musk kann im Alleingang Entscheidungen treffen, die große politische Auswirkungen haben. So hat er nach eigenem Ermessen entschieden, Russland in der Ukraine den Zugang zu Starlink zu entziehen. Das fanden viele Menschen in westlichen Ländern richtig. Auch wenn die Opposition im Iran Zugang zu Starlink erhält und so die Internetzensur umgeht, dürfte eher dienlich als hinderlich sein. Doch das tieferliegende Problem bleibt: Eine Einzelperson unterscheidet nach eigenem Ermessen, wer online darf und wer nicht. Nur SpaceX ist aktuell in der Lage, bestimmte Services überhaupt zur Verfügung zu stellen – und mit zunehmender Verbreitung des Satellite-to-Mobile-Internets wird die Macht steigen. Infrastruktur-Monopole führen langfristig zu Problemen: Marktmacht, Preisexplosionen und die Missachtung von Grundrechten können die Folge sein.

Marktmacht deluxe: SpaceX ist die ultimative vertikale Integration

Hinzu kommt: SpaceX ist mehr als Satelliten, Internet und Raketen. Elon Musk hat xAI und X schon vor dem Börsengang strategisch in SpaceX integriert. Das heißt Elon Musk bietet auch ein KI-Modell, KI-Rechenzentren und eine Social Media Plattform an. Diese vertikale Integration von Geschäftsfeldern verschafft ihm noch mehr politischen Einfluss. Er kann bestimmen, welche Nutzende welche Inhalte sehen – und zwar auch komplett gegen den Willen der Staaten, in denen sich diese aufhalten. So kann Musk gegenüber Staaten quasi als souveräner Akteur auftreten. Wirkliche Kontrolle über ihn haben allenfalls noch die USA, wo sich der Großteil seiner Fabriken befindet und von deren öffentlichen Aufträgen SpaceX aktuell wirtschaftlich abhängig ist. 

Europa spielt nicht mit - Musk steigt zum Infrastruktur-Giganten auf

Und Europa schaut mal wieder zu. Der europäische Anspruch von demokratischer Kontrolle über Technologie läuft ins Leere, wenn die EU keine eigenen technologischen Fähigkeiten bzw. Unternehmen ins Wettrennen schickt. So könnte die normative Kraft des Faktischen bald dazu führen, dass die Glasfaserkabel ihre Bedeutung verloren haben, bevor sie überhaupt verlegt sind. Dass die Deutsche Telekom bestehende Lücken mit Starlink füllen wird, ist kein gutes Zeichen für die digitale Souveränität. 

Die Billionen-Bewertung von SpaceX an der Börse zeigt, wie schwierig es wird, sich hier nicht endgültig abhängen zu lassen. Denn solche Mengen Kapital kann aktuell niemand anders als Elon Musk mobilisieren. Außer vielleicht der chinesische Staatskapitalismus.

Redaktion: Jasmin Ehbauer