Wer sich im Alltag davor schützen will, auf Schritt und Tritt von Überwachungskameras gefilmt zu werden, sucht nach praktikablen Antworten. Die naheliegendste Lösung wäre wohl, Orte mit Videoüberwachung zu meiden. Doch diese Strategie stößt schnell an ihre Grenzen. Kameras hängen in Bahnhöfen, Einkaufszentren, an Ampeln, Straßenecken und an Hauseingängen. Eine verlässliche Zahl, wie viele Kameras im öffentlichen Raum vorhanden sind, gibt es nicht. Recherchen von Correctiv haben jedoch ergeben, dass die Zahl der Kameras in fast allen Bundesländern, deren Polizeigesetze dies erlauben, seit 2020 wächst. Allein die Zahl der Kameras, welche die bayerische Landespolizei nutzt, ist zwischen 2020 und 2024 um 67 Prozent angestiegen. Hinzu kommt eine kaum überschaubare Zahl privater Kameras an Hauseingängen, Geschäften, Autos oder inzwischen auch in Datenbrillen.
Nun will die schwarz-rote Koalition es der Bundespolizei per Gesetz ermöglichen, Gesichter bestimmter Personen mit „in Echtzeit übertragenen Bildaufnahmen“ abzugleichen. Das geht aus einem Antrag der Regierungsfraktionen hervor. Wie Politico berichtet hat, soll das Parlament bereits am Freitag über die die Maßnahmen abstimmen. Damit führen die Koalitionsfraktionen faktisch eine biometrische Videoüberwachung in Echtzeit ein, um Straftaten zu verhindern oder aufzuklären.
Der Staat baut eine Überwachungsinfrastruktur auf
Nicht jede Kamera bedeutet automatisch biometrische Gesichtserkennung. Biometrisch wird es dort, wo Software das Gesicht und körperliche Merkmale automatisch verarbeitet, um Personen zu identifizieren oder wiederzuerkennen. Neben den neuen Überwachungsbefugnissen für die Bundespolizei plant die Bundesregierung auch, neue digitale Ermittlungsbefugnisse einzuführen. Zum einen sollen Bundes- und Landespolizeibehörden ihre Datenbestände massenhaft zusammengeführen und algorithmisch auswerten dürfen. Zum anderen soll die Polizei das Internet nach Gesichtern und Stimmen durchsuchen dürfen, um Personen zu identifizieren oder ihren Aufenthaltsort zu bestimmen.
Damit wächst die Bedeutung all jener Bilder, die längst im Netz sind. Je mehr öffentlich zugängliche Fotos es gibt und je besser Systeme Menschen auf Bildern erkennen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein gefilmtes Gesicht später rekonstruieren und einer Person zuordnen lässt.
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Eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie man sich im Alltag vor privater und staatlicher Überwachung schützen kann, lautet daher: Es wird immer komplizierter. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Parallel zur Aufrüstung der Kamerasysteme mit KI gibt es immer neue Praktiken und Produkte, die versprechen, einen anonymen Weg durch den öffentlichen Raum zu ermöglichen. Eine wachsende Nische ist Anti-Überwachungsmode. Spezielle Stoffe, Muster und Schnitte sollen vom Gesicht ablenken und die biometrische Erkennung erschweren.
Wie KI ein Gesicht erkennt
Eine Software, die ein Gesicht auf einer Bildaufnahme erkennt, durchläuft in der Regel drei Stufen. Zunächst sucht das System im Kamerabild nach dem Gesicht einer Person (Detektion). Anschließend passt das System das erkannte Gesicht geometrisch an (Ausrichtung). Der Kopf wird dabei zum Beispiel leicht gedreht und Augen, Nase oder Mund skaliert, sodass markante Stellen bei verschiedenen Gesichtern immer an ähnlicher Stelle liegen. Je ähnlicher Gesichter ausgerichtet sind, desto besser kann eine KI sie vergleichen.
Die KI berechnet dann aus dem angepassten Gesichtsbild einen Merkmalsvektor, also eine Art Fingerabdruck des Gesichts. Mithilfe dieses Vektors kann die Software das Gesicht mit anderen Merkmalsvektoren vergleichen (Abgleich). Viele Systemen berechnen dafür einen Ähnlichkeitswert zwischen verschiedenen Gesichtern. Wird ein bestimmter Wert überschritten, gibt es einen Treffer (engl. „match“). So wird aus einem Gesicht auf einem Bild ein maschinenlesbares Suchmuster, das sich automatisch mit anderen Bildern abgleichen lässt.
Anti-Überwachungskleidung: Wilde Muster sollen die KI ablenken
Anti-Überwachungskleidung greift vor allem in die erste Stufe biometrischer Gesichtserkennung ein. Wer sie trägt, macht es dem System schwer, überhaupt zu erkennen, dass ein menschliches Gesicht auf dem Video zu sehen ist. Das US-amerikanische Unternehmen capable.design bietet beispielsweise Hosen, Oberteile und Kleider an, in die Tierdrucke eingewebt sind. Die Motive sollen KI-Systeme verwirren, sodass sie statt einer Person ein Tier erkennen.
Auch das Leipziger Unternehmens Urban Privacy hat auf ihre Kleidung gesichtsähnliche Muster, Raster und Kontrastverläufe gedruckt. Diese visuellen Reize ähneln Merkmalen, die KI-Systeme bei der Detektion von Personen auswerten. Sie sollen so vom eigentlichen Gesicht ablenken. Bestenfalls, bis man nicht mehr in Reichweite der Kamera ist.
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Hersteller bieten ebenfalls Schal und Mantel aus reflektierenden Stoffen und mit eingearbeiteten LEDs an. Solche Motive zielen auf das Kamerabild, nicht direkt auf den Algorithmus. Sie sollen so viel Licht erzeugen oder zurückwerfen, dass das Gesicht überbelichtet wird und die Software weniger brauchbare Bildinformationen erhält. Wer so ein Kleidungsstück trägt, verhindert, dass das Bild scharf genug ist, um eine Übereinstimmung festzustellen.
Anti-Überwachungskleidung schützt aber nicht „gegen Überwachung“ im Allgemeinen. Sie versucht lediglich, einzelne technische Schritte der biometrischen Erkennung zu stören. Ein Gesicht soll nicht erkannt, eine Silhouette nicht richtig eingeordnet oder ein Kamerabild unbrauchbarer werden. Aber ob das tatsächlich gelingt, erfährt man im Alltag nicht. Es lässt sich nicht ausschließen, dass eine Kamera am Ende doch das Gesicht aufzeichnet. Käufer:innen bleibt nichts anderes übrig als sich auf Produkttests der Hersteller zu verlassen. Manche können das Kleidungsstück vielleicht mit der Kamera vor der eigenen Haustür testen. Aber wer kann sicher sagen, dass dies auch bei der Kamera am Parkeingang, im Supermarkt oder am Bahnhof funktioniert?
Bei biometrischer Gesichtserkennung wird es noch schwieriger. Denn ihre genaue Funktionsweise im öffentlichen Raum ist eine Black Box. Menschen sehen vielleicht die Kamera, aber kennen nicht die Software dahinter. Sie wissen nicht, ob das System ein Gesicht erkannt oder einen Treffer gemeldet hat. Ebenso wenig wissen sie, wer Zugriff auf die Aufnahmen hat, wer sie speichert, mit welcher Datenbank sie abgeglichen und wofür sie genutzt werden.
Die Vermummungspraktik von heute gegen das Überwachungssystem von gestern
Hinzu kommt, dass moderne KI-Systeme aus ihren Erfahrungen lernen und sich stetig verbessern. Die Vermummungspraktiken von heute helfen deshalb vor allem gegen die Überwachungssysteme von gestern. So erging es zum Beispiel der FFP2-Maske. Die Mund- und Nasenbedeckung wurde in den letzten Jahren auch abseits einer Covid-Erkrankung zu einer beliebten Taktik, um Teile des Gesichts zu verbergen. KI-Systeme, die noch vor der Pandemie entwickelt wurden, können Gesichter mit FFP2-Maske schwieriger erkennen. Das liegt vor allem daran, dass für diese Systeme Nase und Mund wichtige Informationen über die Identität einer Person liefern.
Gesichtsverifikationsalgorithmen, die nach 2020 entwickelt wurden, können bereits deutlich besser mit Masken umgehen. Sie konzentrieren sich stärker auf die Augenpartie, einschließlich Augenform, Augenbrauen, Augenlider, Wimpern und Lidfalten. Apple führte während der Pandemie sogar extra eine neue Face ID ein, welche Nutzer:innen mit Maske erkennt. Aus einer Störung wurde ein neues Trainingsprogramm.
Folglich sind Maske, Kapuzen oder Halstücher bestenfalls kurzzeitige Störquellen, aber kein zuverlässiger Schutz. Vor allem, wenn Überwachungssysteme zum Abgleich auf Internetdaten zurückgreifen können, auf denen eine Person ohne Maskierung zu sehen ist. Um alle markanten Stellen zu verdecken, wäre ein Kombination aus Maske, Sonnenbrille und Kopfbedeckung notwendig. Unauffällig unterwegs ist man damit jedoch nicht.
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Moderne Systeme erkennen Personen an Iris und Gang
Selbst wenn ein biometrisches Kamera-System das Gesicht nicht erkennt, kann es unter Umständen andere körperliche Merkmale erfassen, etwa die Iris, die Körperform oder den Gang. Das US-Forschungsprogramm Briar soll laut eigener Website biometrische Identitätsanalysen für US-Geheimdienste entwickeln, welche den gesamten Körper über große Entfernungen und von erhöhten Plattformen aus erfassen können.
Nicht jedes Kamerasystem setzt solche Techniken ein. Gerade die Erkennung des individuellen Gangs einer Person ist extrem störanfällig. Kleidung, Schuhe, Lauftempo, Kamerawinkel und Zeitabstand können die Erkennung beeinflussen. Auch jemanden anhand der Iris zu erkennen, ist technisch anspruchsvoll und braucht geeignete Sensoren sowie gute Bildqualität. Und für jede dieser Erkennungsformen bräuchte die deutsche Polizei eine passende Rechtsgrundlage. Ihre Überwachungssysteme darf sie sonst nicht um solche Funktionen erweitern.
In der Summe machen solche Entwicklungen den öffentlichen Raum zum Katz-und-Maus-Spiel, in dem Individuen kaum wissen, wie der Gegner ausgerüstet ist, gegen den sie antreten. Anti-Überwachungsmode bietet dabei keine verlässliche Anonymität, sondern höchstens eine punktuelle Irritation.
Ästhetisierung von Widerstand
Dem Überwachungsexperten Torin Monahan zufolge ist Anti-Überwachungsmode weniger ein effektiver Schutz vor überbordender staatlicher oder privater Überwachung, sondern vielmehr eine „Ästhetisierung des Widerstandes“. Das ist auch den Anbietern dieser Kleidung bewusst. Laut dem Leipziger Unternehmen Urban Privacy kann man mit ihren Produkten gegenüber dem eigenen Umfeld, aber auch gegenüber der Person hinter der Kamera ein klares Statement dafür setzen, wie wichtig die eigene Privatsphäre ist. Der Reiz liegt weniger im Effekt, sondern in der Symbolik. Es ist ein unausgesprochenes, aber eindeutiges „Ich sehe die Kamera, aber sie soll mich nicht sehen“.
So betrachtet, lockt Anti-Überwachungskleidung vor allem mit einem Versprechen, einer Hoffnung auf Verborgenheit – allerdings ohne Garantie. Ironischerweise ähnelt das Versprechen auf Verborgenheit in dieser Hinsicht einem anderen, im Kontext biometrischer Überwachung oft bemühten Versprechen: dem auf Sicherheit. Das nutzen Sicherheitsbehörden oft, um polizeiliche Gesichtserkennung und die damit verbundenen Eingriffe in Grundrechte wie Privatsphäre und Datenschutz zu rechtfertigen. Aber ob solche Systeme die öffentliche Sicherheit tatsächlich erhöhen, lässt sich nach der bisherigen Forschungslage nicht eindeutig beantworten.
Mehr Überwachung kann zu weniger Teilhabe führen
Menschenrechtsorganisationen und Datenschutzexpert:innen warnen schon länger vor sogenannnten ‘chilling effects’. Also davor, dass Menschen ihr Verhalten im öffentlichen Raum anpassen und sich weniger frei bewegen, wenn sie sich beobachtet fühlen. Wer befürchtet, auf dem Weg zu einer Demonstration, vor einer Beratungsstelle für Schwangerschaftsabbrüche oder bei einem politischen Treffen erkannt zu werden, bleibt vielleicht lieber zu Hause oder äußert sich vorsichtiger.
Solche Verdrängungs- und Meidungseffekte zeigen sich insbesondere bei Menschen, die ohnehin häufiger diskriminiert, von Sicherheitsbehörden kontrolliert oder politisch unter Druck gesetzt werden. Dazu gehören zum Beispiel Schwarze und queere Menschen sowie politische Aktivist:innen.
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Nach einer Einschätzung des Deutschen Instituts für Menschenrechte sind selbst bei einem rechtsstaatlich eingehegten Einsatz der Technologie falsche Treffer unvermeidbar. Es besteht die immanente Gefahr, dass Menschen zu Unrecht unter Verdacht geraten. Auch hier trifft das Fehlerrisiko potenziell alle aufgenommenen Personen, aber nicht-weiße Menschen überproportional häufig. Dies löst wiederum stärkere „chilling effects“ bei ohnehin marginalisierten Gruppen aus.
Anti-Überwachungskleidung kann diesen ungewollten Verhaltensänderungen entgegenwirken, indem es ein Gefühl von Sicherheit und Anonymität hervorruft. Doch das Versprechen auf Verborgenheit ist nicht kostenlos. Über hundert Euro zahlt man für ein T-Shirt bei capable.design, die meisten Produkte liegen bei über fünfhundert Euro. Bei Urban Privacy fängt der Preis für ein T-Shirt oder einen reflektierenden Schal bei circa vierzig Euro an. Das Unternehmen begründet die hohen Kosten unter anderem mit dem besonderen Material und der aufwändigen Drucktechnik.
Privatsphäre als neues Luxusgut
Die hohen Produktionskosten machen den Schutz der eigenen Identität einmal mehr zu einer Frage des Geldbeutels. Wer sich diese Produkte nicht leisten kann, bleibt sichtbarer. Auch das trifft vor allem marginalisierte Gruppen und damit diejenigen, die besonders stark von staatlicher Überwachung betroffen sind. Privatsphäre entwickelt sich zu einem neuen Luxusgut.
Der Kommunikationswissenschaftler Torin Monahan kam bereits 2015 zu dem Schluss, dass Anti-Überwachungskleidung das Bewusstsein für „die diskriminierende und gewalttätige Logik der Überwachungsgesellschaft“ schärfe. Damit ist Anti-Überwachungsmode ein wichtiges Symbol gegen die steigende private und staatliche Überwachung des öffentlichen Raums.
Allerdings liefert Anti-Überwachungsmode in erster Linie eine individualisierte und konsumorientierte Antwort auf die Einschränkung von Grundrechten als strukturelle Herausforderung. Der politische Konflikt verlagert sich so aus Parlamenten und Gerichten in den Kleiderschrank. Sich Spezialkleidung zuzulegen, verbleibt dann als eine der wenigen Möglichkeiten, um sich überhaupt noch vor biometrischer Überwachung zu schützen. Sie darf aber nicht die alleinige Antwort auf die Beschränkung grundrechtlicher Freiheitssphären sein.
Das Versprechen, in überwachten Räumen verborgen zu bleiben, ist kein Ersatz für das Recht auf Privatsphäre. Menschen haben einen grundrechtlichen Anspruch auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung. Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, die Voraussetzungen dafür zu erhalten, dass Menschen sich auch anonym und unbeobachtet im Alltag bewegen können. Behörden und Unternehmen sollten dazu verpflichtet sein, die Funktionsweisen und Analysemethoden der Kamera-Systeme transparent und überprüfbar zu machen. Es braucht aber auch klare Grenzen für die Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Dort, wo die Risiken für Freiheit, Gleichheit und Versammlungsrechte zu groß sind, helfen nur klare Verbote.
Redaktion: Michael Kolain
