Von den Big Five zu den Big Ten

Die Bedeutung der Börsengänge von Anthropic, OpenAI und SpaceX

Die Erwartungen von Investoren an Künstliche Intelligenz lassen Unternehmen den Big Tech Status erreichen, die vor kurzem noch Startups waren. Die Dimensionen der bevorstehenden Börsengänge von Anthropic, SpaceX und gegebenenfalls OpenAI machen das deutlich. Aus den Big Five werden Big Ten. Mehr Wettbewerb entsteht dadurch aber kaum. Denn diese Player bilden über gegenseitige Verträge und Investitionen ein Ökosystem. Das Problem der ökonomischen Machtkonzentration wird voraussichtlich größer, nicht kleiner.
Joris Leander Kanowski
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Von den Big Five zu den Big Ten

Wer ist eigentlich Big Tech? Traditionell sind es die “Big Five”: Microsoft, Apple, Alphabet (Google), Meta und Amazon. Das wertvollste Tech-Unternehmen ist allerdings schon seit einer Weile NVIDIA, der Hersteller von Grafikprozessoren. Die zunehmende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und der dafür benötigten Hardware hat einige Verschiebungen in der Konstellation der Big Five ausgelöst. Oft vergessen wird zum Beispiel die Bedeutung von Oracle für Rechenzentren. Und Anthropic, OpenAI und SpaceX/xAI als Anbieter von KI Modellen schließen durch ihre Börsengänge endgültig in den Kreis der sehr großen Tech Konzerne auf.

Die Bewertungen von SpaceX, Anthropic und potenziell auch von OpenAI werden eine Größenordnung erreichen, die - abgesehen von dem Börsengang von Saudi Aramco im Jahr 2019 - präzedenzlos ist. Die Schätzungen lauten: 1,75 Billionen US-Dollar für SpaceX, 965 Milliarden US-Dollar für Anthropic und 852 Milliarden US-Dollar für OpenAI. Diese drei Unternehmen wären dann gemeinsam deutlich wertvoller als die 40 wertvollsten deutschen Unternehmen zusammengerechnet (die DAX 40 liegen bei 2,437 Billionen US-Dollar). Alle drei Firmen haben bereits private Investoren, können aber nicht als Aktien öffentlich gehandelt werden. Der Börsengang erlaubt ihnen, einen kleinen Prozentsatz der Firmenanteile abzugeben und so Kapital für mehr Recheninfrastruktur und Modelltraining zu erhalten.

Big Tech wird noch größer

Dass Unternehmen, die vor wenigen Jahren noch Startups waren, nun in diese Liga aufsteigen, sollte man nicht als Zeichen deuten, dass die Dominanz der Big Five ins Wanken gerät. Im Gegenteil, Anthropic und OpenAI konnten nur als Teil dieses Ökosystems so schnell wachsen und wurden durch strategische Investments insbesondere an Microsoft, Amazon und Google gebunden. 

Der CEO von Anthropic, Dario Amodei, verließ OpenAI, um einen Konkurrenten aufzubauen. Auch Elon Musks SpaceX/xAI liefert sich einen Wettkampf mit Sam Altman. Dabei geht es nicht nur um das beste KI-Modell, sondern auch um öffentliche Aufträge und Investitionskapital. Das bisschen Wettbewerb ändert aber nichts daran, dass sich das Problem der wirtschaftlichen Machtkonzentration verschärft. Zoomt man etwas aus, dann haben die Big Ten viele gemeinsame Interessen und vor allem beste Beziehungen zueinander: Über Investments, Verträge zur Nutzung von Hardware, Joint Ventures und sonstige Zweckbündnisse.

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Könnte nun die Blase platzen?

Quantitativ stoßen die Investments in eine neue Dimension vor. 2026 wollen die Big Tech Unternehmen zusammen etwa 725 Milliarden US Dollar nur für KI-Infrastruktur ausgeben. Der europäische Markt kann solche Investitionssummen im Moment weder mobilisieren, noch absorbieren. Zur Einordnung: Der gesamte deutsche Staatshaushalt umfasst etwas mehr als 500 Milliarden.

Mit den Börsengängen rückt eine Frage in den Vordergrund, die schon Anfang des Jahres diskutiert wurde. Nämlich, ob es sich bei den Investitionen in KI und der Bewertung der Firmen um eine Spekulationsblase handelt. Konkret: Ob aus generativer KI ein kostendeckendes Geschäftsmodell gebaut werden kann?

SpaceX, Anthropic und OpenAI sind aktuell nicht profitabel. Die hohe Bewertung ist deshalb eine Wette darauf, dass die Firmen es perspektivisch schaffen, Preise zu verlangen oder Werbeeinnahmen zu generieren, die die Hardwarekosten der KI-Nutzung übersteigen. Die Ära des Free-Token, also des Verkaufs von KI-Nutzung unterhalb ihres tatsächlichen Preises zwecks Markteroberung und Kundenbindung, endet gerade. Viele Anbieter haben die im Preis enthaltene Rechenleistung gedrosselt oder das Preismodell angepasst. Bei Claude von Anthropic wurde zuletzt diskutiert, ob die Rechenleistung wirklich billiger ist als die ersetzte menschliche Arbeit, beziehungsweise die eingesparten Gehaltskosten. Zudem gibt es die deutlich effizienteren und günstigeren – teils oder sogar kostenlosen – chinesischen Modelle, von denen viele Open Source sind.

SpaceX hingegen ist mit seinen wiederverwendbaren Raketen und Starlink-Satelliten bereits nah an der Profitabilität, hat aber Anfang 2026 xAI und X mit ihren noch defizitären Geschäftsmodellen übernommen. Alle Firmen gehören Elon Musk. Seine Ambition, zu den führenden Anbietern von KI-Modellen und Rechenzentren aufzusteigen, kann er über die hohe Börsenbewertung von SpaceX quersubventionieren.

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Aus US-amerikanischer Perspektive ist die KI-Industrie inzwischen too big to fail. 2025 war fast das gesamte Wirtschaftswachstum der USA auf Investitionen in Rechenzentren zurückzuführen. Die Motivation, KI zu einem profitablen Geschäftsmodell zu machen, ist also extrem hoch. Für die Unternehmen selbst, aber auch für die amerikanische Regierung. Das könnte zu Lasten der Nutzerinnen und Nutzer gehen, die sich auf die Einführung von hochgradig personalisierter Werbung in KI-Chatbots einstellen können. 

Aber auch für Geschäftskunden könnte das Ende der günstigen KI ein Problem werden. Ähnlich wie bei Bürosoftware und Cloud-Computing könnte eine Strategie der Anbieter darin bestehen, einen Lock-In zu erzeugen und dann die Preise zu erhöhen. Je weniger die KI eines bestimmten Anbieters aus Prozessen wegzudenken ist, desto eher ist man bereit, bei Preiserhöhungen mitzugehen. Genau so ein Szenario muss aus Sicht der Unternehmen aller anderen Branchen verhindert werden. Einzelne Anbieter dürfen nicht so unverzichtbar werden, dass sie die Bedingungen diktieren.

Für Anthropic, OpenAI, Google und xAI ist der Anreiz genau umgekehrt. Man will die eigenen proprietären (geschlossenen) Systeme so fest wie nur möglich in Behörden und Unternehmen integrieren. Was für Chips, Cloud-Computing und Betriebssysteme schon gelungen ist, soll nun auf einer weiteren Ebene des Tech-Stacks wiederholt werden: Eine marktbeherrschende Stellung weniger Akteure errichten, die Alternativen verdrängen und hohe Margen einfahren. Als Querschnittstechnologie kann KI in fast allen Branchen, im Grunde bei jeglicher Wissensarbeit, zur Anwendung kommen. Es handelt sich also um einen großen zu erobernden Markt. Deshalb werden die Anbieter von KI-Modellen von Investoren als so wertvoll betrachtet.

Was bedeutet das für Europa?

In der EU wurden zuletzt jährlich 264 Milliarden Euro für amerikanische Technologie ausgegeben. Ein gigantischer Abfluss von Wertschöpfung. Diese Zahl könnte weiter anwachsen, wenn nun wenige amerikanische KI-Anbieter den europäischen Markt dominieren. Im Gegensatz zu Cloud Computing ist dieser Markt aber noch dynamisch und offen. Das eröffnet Handlungsspielräume.

Klar ist: Die Investitionssummen der Big Ten werden europäische Akteure nicht einmal ansatzweise aufbringen können. Unmittelbar viel wichtiger ist es, Wahlfreiheit und Wechselmöglichkeiten zu erhalten. Bedeutet vor allem: Systeme und Workflows bauen, mit denen man sich nicht dauerhaft an einzelne Anbieter bindet. Und den Digital Markets Act gegen vertikal integrierte digitale Geschäftsmodelle in Stellung bringen. Zugriff auch welche KI-Modelle man hat, sollte nicht durch die Wahl des Betriebssysteme oder Cloud-Anbieters festgelegt sein. Solche Wahlfreiheiten werden gegen die US-amerikanische Regierung und Firmen erstritten werden müssen.

Die bekannten Probleme, also technologische Abhängigkeit, geopolitische Erpressbarkeit und der Abfluss von Wertschöpfung: Sie werden durch die drei Börsengänge vergrößert. Die Asymmetrie der Ressourcen wird sich vertiefen. Dass aus den Big Five nun Big Ten werden, wird das Problem der ökonomischen Machtkonzentration vergrößern. Denn sieht man von den persönlichen Fehden zwischen Sam Altman, Elon Musk und Dario Amodei einmal ab, dann ergibt sich vor allem folgendes Bild: Künstliche Intelligenz und die damit verbundenen gegenseitigen Investitionen und Verträge haben die größten Unternehmen der Welt näher zusammengebracht.

Annex: Die Big Ten auf einen Blick

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